boiler house
Berlin, 2026
Der Ausstellungsort Kesselhaus in der ehemaligen Kindl-Brauerei begegnet den Besucher*innen als radikal geleertes Kesselhaus. Keine Maschinen, keine Kessel, kein technisches Inventar vermitteln die frühere Funktion. Das boiler house nimmt diese Abwesenheit nicht als Defizit, sondern als Material. Der Raum selbst wird zum Exponat: ein Volumen, das Geschichte enthält, ohne sie zeigen zu können.
Im Zentrum steht ein System rotierender Spiegel, die die Leere des Raumes in unterschiedlichen Geschwindigkeiten thematisieren. Die Spiegel sind keine Abbilder verlorener Apparaturen, sondern gegenwärtige Maschinen der Wahrnehmung. Langsame Rotation dehnt den Raum, schnelle zerlegt ihn in flüchtige Splitter. Besucher*innen erleben ein Kesselhaus, das ausschließlich über Bewegung von Reflexion entsteht: als optischer Strudel, als Boiler ohne Hitze, aber voller Bildenergie. Die Spiegel lehren den Raum, sich selbst zu betrachten, und machen sichtbar, dass Leere kein Zustand, sondern ein dynamischer Vorgang ist.
Gleichzeitig arbeitet das Projekt boiler house mit einer einzigen Lichtquelle. Dieses Licht wird von den Spiegeln aufgenommen und durch die geöffneten Fenster von innen nach außen als Projektion in den Stadtraum Neukölln übertragen. Das ehemalige Kesselhaus wird so zu einem Sender. Was im Inneren als fragile Reflexionsarchitektur erscheint, wird draußen zu einer öffentlichen Lichtfigur – eine Membran zwischen Institution und Nachbarschaft. Die Ausstellung endet nicht an den Wänden, sondern schreibt sich als temporäres Zeugnis in Fassaden, Bäume, vorbeiziehende Körper der Straße ein.
Sound-Performances von Abi Asisa und Severin Black aktivieren diese Situation und übersetzen die (post-)industrielle Idee von Energie in Frequenzen. Die tiefen, variabel strukturierten Rhythmen treffen auf die rotierenden Spiegel und modulieren deren Wahrnehmung von Geschwindigkeiten.
boiler house versteht das Kesselhaus als Raum im Raum: als Schichtung aus Brauereigeschichte und heutiger Kunstnutzung. Die rotierenden Spiegel und das Fenster- und Oberlicht bilden einen Kreislauf zwischen einem Innen und Außen, zwischen individueller Wahrnehmung und kollektivem Stadtkörper. „Zeugnis“ bedeutet hier Übertragung. Der Ort spricht nicht durch Relikte, sondern durch aktuelle Praktiken – durch Geschwindigkeit, Frequenz und Licht - und Eigenbewegung der Betrachter*innen.
So wird das leere Kesselhaus der Kindl-Brauerei zu einer Versuchsanordnung für Neukölln: ein Sender der Leere des Raumes, der zeigt, dass Geschichte auch ohne Dinge wirksam bleibt – boiler house - als Reflexion, als Sound, als Bewegung der Vielen in einer polis.
Diskursprogramm und Performances
- 12.9., 20:00
Live-Set von Severin Black mit Klarinette und elektronischer Musik - 12.9., 21:00
Live-Set von Abi Asisa mit Cello und elektronischer Musik
Eintritt frei
Unterstützt von Carhartt WIP