Das Bauhaus als Projektion
Viel Unsinn ist in den letzten 30 Jahren geschrieben worden über das „elektronische Bauhaus“ oder ähnliche Schlagwörter, die verdeutlichen sollen, daß die Verbindung von Kunst und Technik, die das Bauhaus der 20er Jahre in der mechanischen Industrie-Produktion anstrebte, heute in den elektronischen Medien stattfindet bzw. stattfinden soll und muß. Wenn dabei etwas klar geworden ist, so vor allem das eine: Es wird kein „elektronisches Bauhaus“ geben. Die neuen Medien „bauen“ nicht mehr und die Zeit der Monumente des Zwecks aus Stahl, Glas und Beton ist gerade durch die neuen Medien überholt. Eine Fahrt durch das von sozialistischer Plattenbauweise verwüstete Zentrum von Dessau macht dies exemplarisch deutlich. Der zu DDR-Zeitentypische Wald von westwärts gerichteten Fernseh-Antennen auf den Dächern ist durch die Ausstrahlung des westdeutschen Programms über die ehemaligen DDR-Sender überflüssig geworden. (1) An seine Stelle treten mehr und mehr Satelliten-Schüsseln, die die Verkabelung nach West-Standard unnötig machen, bevor sie überhaupt begonnen hat. Die berüchtig-ten sozialistischen Plattenbauten erscheinen vor allem in Dessau als geradezu sinnbildhafte Warnung vor den traurigen Spätfolgen des mißverstandenen Bauhaus als Real-Utopie. Das Verschwinden des Staates, der in diesen Bauten seine Ideologie zementierte, ist von außen vorerst nur durch die andere Antennenbestückung zu bemerken. „Die Wende“ hat also zunächst und vor allem in den Medien stattgefun-den — nur im langsamen Baufortschritt erobert sie die alltägliche Realität.
„Der Westen“ war in der DDR — um ein modisches Wort zu gebrauchen — ein „virtuelles“ Gebilde, denn ein großer Teil der DDR-Bevölkerung kannte die BRD nur aus den elektronischen Medien, aus TV und Radio. Und tatsächlich sind es auch die Medien, die sich mit der „Wende“ zuerst und am radikalsten verändert haben, indem die West-Medien nahezu völlig an die Stelle der Ost-Medien getreten sind. Doch ist dies wirklich eine einschneidende Veränderung, wenn man bedenkt, daß neunzig Prozent der DDR-Bevölkerung ohnehin nur West-TV sahen? „Der Westen“ scheint noch auf absehbare Zeit ein virtuelles Gebilde zu bleiben — ja offenbar ist erst durch die Wende sichtbar geworden, daß er nicht nur für den reisebeschränkten DDR-Bürger virtuell war, sondern das er tatsächlich auch in all seiner Realität ganz und gar virtuell bleibt.
Es gibt also eine weitreichende Gemeinsamkeit der sozialen Veränderungen in-folge der „Neuen Medien“ mit den politischen Veränderungen in den „Neuen Bundesländern“. In beiden Fällen schlüpfen die neuen Inhalte fast reibungslos in die alten Hüllen. Nicht „form follows function“ sondern die Funktion paßt sich der vorgefundenen Form an. Die im Bauhaus-Programm von 1919 geforderte “Samml-ung alles künstlerischen Schaffens zur Einheit, die Wiedervereinigung aller werkkünstlerischen Disziplinen — Bildhauerei, Malerei, Kunstgewerbe und Handwerk“ erwähnt weder Fotografie noch Film und läßt somit genau den Bereich der Medien aus, in dem heute die Fortsetzung dieser Hoffnungen gesehen wird. Es bedurfte einer anderen „Wiedervereinigung“, derjenigen der zwei Teile Deutschlands, um in einem einzigartigen Großexperiment der per TV gegen Westen blickenden Bevöl-kerung der DDR zu zeigen, wie wenig die Medien das halten, was sie versprechen.
Wie gesagt, es wird kein „elektronisches Bauhaus“ geben, zum einen weil die neuen Medien nicht mehr „bauen“ — aber vor allem deshalb, weil sie keine Utopien mehr anbieten oder fordern. Die neuen Medien entwerfen nichts mehr, was nach Verwirklichung in Stahl und Beton drängt, sie offerieren nur Möglichkeiten, sie liefern Angebote für neue Inhalte, die fast unbemerkt in die alten Formen projiziert werden. Wie zwingend diese Projektionen bei all ihrer scheinbaren Unaufdringlichkeit sind, zeigt die zentrale Rolle des West-TV für die Wende in der DDR.
Es mag in diesem Zusammenhang als konsquent oder auch als fatal angesehen werden, daß ein junger Künstler aus West Deutschland der erste ist, der nach der „Wende“ das Bauhaus in Dessau einer grundsätzlichen Selbstreflektion unterzieht. Doch es zeugt von seinem subtilen Umgang mit dem anspruchsvollen Ort in einer schwierigen Zeit, daß Mischa Kuball seine Arbeitsmethode dem Prinzip der neuen Medien anpaßt: Er läßt eigentlich alles so wie es ist, und projiziert nur neue Inhalte auf die alten Formen. Daß er sich dabei nicht der elektronischen Medien, sondern nur des guten alten Diaprojektors bedient, tut der Sache keinen Abbruch.
Die Diaprojektion ist dem Kunsthistoriker ein vertrautes Instrument zur Darstellung der Geschichte — kaum ein kunsthistorisches Institut ohne eine große Diathek als Hort der Historie. Kuball nähert sich in manchen seiner Installationen der kunsthistorischen Arbeitsweise. Zum Beispiel wenn er im ehemaligen Arbeits-zimmer von Gropius das einzige Foto der damaligen Einrichtung an die Decke projiziert (Reprojektion). Er geht dabei sogar so weit, in die aktuelle Recherche zur originalen Farbgestaltung des Bauhauses einzugreifen, indem er genormte RAL-Farben in das berühmte Treppenhaus projiziert (Projektionsraum 1:1:1). Auch das didaktische Element der Dia-Projektion schwingt mit, wenn unter dem Titel „Repeat!“ jedem Schülerplatz ein Projektor zugeordnet wird. Die drei genannten Stücke sind speziell für die Ausstellung entstanden und leben ganz vom „genius loci“ des historischen Orts. Auch die Orientierung in der Ausstellung verdeutlicht ständig den Bezug zum Ort. Mangels der üblichen „Schildchen“ muß sich der Besucher anhand von Fotokopien mit dem Grundriß des Bauhaus orientieren, in den Standorte und Titel der Installationen eingezeichnet sind. Der Besucher informiert sich somit automatisch über seinen Ort im architektonischen Bezugssystem. Der Grundriß als eine Projektion des Gebäudes in die Fläche dient zur Koordination der einzelnen Projektionen Kuballs. Trotz dieser engen historischen Einbindung geht es Kuball nicht nur um den retrospektiven Blick auf die Geschichte. Er zeigt vom sozialen Wohnungsbau bis zu den DIN-Norm-Türen, die sinnigerweise aus dem Bau-Supermarkt namens „Bauhaus“ stammen, die ungebrochene Fortwirkung des Bauhauses bis in unseren heutigen Alltag. Und er stellt mit dem alten Medium Dia-Projektion symbolisch die Funktionsweise der neuen Medien in unserer von den Spätfolgen des Bauhaus geprägten und normierten Welt dar.
Kuball zeigt das wesentliche Prinzip der neuen Medien: sie sind Projektions-Geräte. Nur in politischen Extremfällen wie dem Anschluß der DDR an die BRD verändert sich mit den Medien auch der Inhalt. Ansonsten dienen die neuen Medien zu einem wesentlichen Prozentsatz der Verbreitung und Zweitverwertung alter Inhalte: im Videospiel laufen wir durch eine mittelalterliche Burg und zu den größten Stars der Music-Clips und Computeranimation gehören Humphrey Bogart und Marilyn Monroe mit ihren zahllosen digitalen Cloons. Die neuen Medien las-sen eben äußerlich alles so wie es ist, sie verändern tatsächlich weder die historischen Hüllen noch die Inhalte, sie verändern lediglich die Vervielfältigungs- und Verbreitungswege der Inhalte. Die gesamte Frage nach der „Gefahr der neuen Medien“ hängt daran, inwieweit sich mit der radikalen Beschleunigung und Vervielfachung der Information auch die Bedeutung der Information verändert. Die neuen Medien gelten als geschichtszerstörend, weil sie alte und neue Inhalte unter-schiedslos verarbeiten und vervielfachen, und sie so auf die bestehenden Strukturen zurückprojizieren. Genau das macht Kuball mit dem kunsthistorisch vorbelasteten Instrument „Dia-Projektion“ deutlich: Er benutzt das historische Bauhausgebäude als Projektionsfläche für die Zeugnisse der Geschichte und vor allem der Folgen des Bauhaus bis hin zum sozialen Wohnungsbau. Damit verfolgt er das Prinzip der neuen Medien, welche die historischen Zeugnisse der bestehenden Kultur einem ständigen Recycling unterziehen, indem sie diese Zeugnisse auf die Kultur zurück-projizieren, die sie hervorgebracht hat. Hieraus resultiert die „virtualisierende“ Wirkung der neuen Medien: Alte und neue Inhalte sind unterschiedslos überall jederzeit verfügbar, die digitale, verlustfreie Multiplikation läßt den Unterschied zwischen alten und neuen Inhalten verschwinden — es gibt keine Patina mehr. Deshalb besteht kein Bedarf, ein neues „elektronisches“ oder gar „virtuelles“ Bauhaus zu gründen — es existiert längst durch die weltweite mediale Verbreitung und Vervielfältigung des Bauhauses samt seiner Folgen. Darüber ist fast in Vergessenheit geraten, daß das historische Bauhaus in Dessau noch steht. Vielleicht mußte Kuball erst das Gebäude-Relikt Bauhaus „virtualisieren“, durch die Rück-projektion seiner Zeugnisse und Folgen auf dessen historische Hülle, damit wir mit unserer mediendeterminierten Sicht überhaupt bemerken, daß außer dem allgegenwärtigen „virtuellen“ Bauhaus unseres täglichen Lebens das alte, historische Gebäude in Dessau noch existiert.
ANMERKUNGEN
(1) In der DDR war der Empfang von West-TV nach gescheiterten Versuchen zwar offiziell geduldet – aber die West-Sender wurden nicht in die Hausantennen-Anlagen der Wohnsiedlung eingespeist. Deshalb musste jeder Mieter seine eigene West-Antenne am Fenster oder Balkon installieren. Nach dem Anschluß der DDR an die BRD und dem Ende des DDR-TVs wurde dann zunächst das West-Programm über die bestehenden Sendeanlagen ausgestrahlt.
In: Mischa Kuball: Bauhaus-Block, ed.: Lutz Schöbe, in order of Bauhaus Dessau Edition Crantz, Stuttgart 1992, p. 101-105.
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