Alicia Haber



Finsternis, Untergang, Beleuchtungen und Hoffnungen:

verlorene und wiedergefundene Orte und Zeiten.

 

Das Werk des deutschen Künstlers Mischa Kuball spiegelt zahlreiche Tendenzen der

zeitgenössischen Kunst wider. Kuballs Projekte greifen neue Medien und moderne Tech-

nologie auf, setzen konzeptuelle Elemente über das bleibende Objekt, arbeiten mit Ent-

materialisierung und vergänglicher Kunst, heben die Bedeutung der urbanen Intervention

hervor, der Schaffung von Installationen und ortsspezifischen (“site specific“) Projekten

und streben einen neuen Umgang mit dem Konzept „Kunst im öffentlichen Raum“ an.

Gleichzeitig versteht Kuball seine Künstlerrolle in einer gesellschaftskritischen Funktion

und verläßt die Museen zugunsten von Werken mit Bezug zum städtischen Leben, die

eine Interaktion mit dem Betrachter fördern und eine aktive Teilnahme der städtischen

Bewohner ermöglichen.

Ein Grundelement seiner ästhetischen Sprache sind Lichtprojektionen. Das Licht

war ein Ausdrucksmittel für Künstler der Moderne und ist es für zeitgenössische Künstler.

Es hat seinen Ursprung in den ersten Avantgardebewegungen des Jahrhunderts, mit be-

leuchteten Raumkonstruktionen, lichtkinetischen Werken, Lichtskulpturen und Licht-

balletts. Licht wurde in der modernen Avantgarde von Künstlern wie Zdenek Pesanek,

László Moholy Nagy, Naum Gabo, Anton Pevsner und Walter Dexel verwendet. Auch

Marcel Duchamp hat in seine sogenannten Rotationsreliefs Lichteffekte integriert.

Wichtige Werke in dieser Richtung entstanden nach 1945, so von Otto Piene und

der Gruppe Zero, die sich mit der Entmaterialisierung und der reinen Darstellung von Licht

beschäftigt haben. Weitere Vertreter sind Heinz Mack, Nicholas Schoeffer, Lucio Fontana

und Adolf Luther. Die licht-kinetischen Objekte Julio Le Parcs und die Skulpturen der

Group du Recherche d‘Art Visuel GRAV entstammen derselben Strömung. In den letzten

Jahren haben sich weitere Künstler dieser Ausdrucksform gewidmet, wie z.B. Bruce

Naumann, James Turrell, Maria Nordman, Robert Irwin, Eric Orr und Nan Hoover. Auf

eine in jüngster Zeit entstandene Bewegung von Lichtkünstlern machte die New Yorker

Ausstellung “15 Lux Maximum“ und Werke von Gregory Scott, Klara Kallenbach, Caspar

Stracke, Doris Vila, Sarah Tomlinson und, neben anderen, Kuball selbst aufmerksam.

Wie auch andere zeigenössische (sic) Künstler bevorzugt Kuball unübliche

Ausdrucksmittel und Kunstträger und etabliert Beziehungen zwischen Kunst und Technik,

wie sie in den letzten Jahren häufiger zu beobachten sind. Er bietet eine ästhetische

Alternative zur Technik an, und wendet sich bewußt gegen Vermarktung, Passivität und

Banalität.

In seinen Werken bemüht sich Kuball, wie andere seiner zeitgenössischen

Kollegen, um eine veränderte Perspektive auf öffentliche Gebäude und ein neues Konzept

von Kunst im öffentlichen Raum; kurzlebige Installationen, Projektionen und Eingriffe

markieren einen Ort, um dann wieder zu verschwinden. In den letzten zwei Jahrzehnten

hat sich die Kunst tiefgreifend gewandelt und ihre Funktion, Form und Definition erweitert.

Das auf Dauer angelegte Kunstwerk ist Ausdrucksformen wie Straßenkunstwerken, der

“site-specific art“, ökologischen Projekten, der Kunst als Architektur, städtischen Inter-

ventionen und elektronischen Leuchtschildern gewichen, um nur einige zu nennen. Anstatt

ein neues Denkmal zu schaffen, suchen die Künstler einen Ort, der aufgrund seiner Bedeutung

für ein bestimmtes Publikum und seiner Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft

ausgewählt wurde; sie stellen ihre Aktivität in den Dienst eines anthropologischen, poli-

tischen, gesellschaftlichen, geschichtlichen und geschlechtsspezifischen Engagements.

In diesem Zusammenhang sind Vito Aconci, Eva & Adele, Walter Fähndrich,

Jochen Gerz, Dan Graham, Jenny Holzer, Wolfgang Laib und Ute Wrede zu nennen, um

nur einige der Kollegen zu erwähnen, die parallel mit Kuball an der Vorbereitung eines

urbanen Projektes in Weimar gearbeitet haben.

Lichtprojektionen stellen eine neue Art des künstlerischen Schaffens im öffentlichen

Raum dar. Zwei der bekanntesten Vertreter sind der in den Vereinigten Staaten lebende Pole

Krzysztof Wodiczko, der in den achtziger Jahren Projektionsflächen mit gesellschafts-

politischen Bezügen auf öffentlichen Gebäuden schuf, und Mischa Kuball, ein viel

jüngerer Deutscher, dessen Karriere ebenfalls in diesen Jahren begann. Kuball feilt mit

Krzysztof Wodiczko nicht nur das Interesse an der Projektion auf öffentlichen Plätzen,

sondern auch die Verarbeitung gesellschaftlicher Themen, wie beispielsweise die Problematik

der Einwanderer und ihre Erfahrungen in ihren jeweiligen Aufnahmeländern (Wodiczko

benutzt den Neologismus “Xenologie“, um über die künstlerische Verarbeitung der

Traumata von Einwanderern zu sprechen). Beide beleben die Stadt durch ihre Pro-

jektionen, stellen verschiedene gesellschaftliche Umstände zur Debatte, kritisieren und

schlagen Fragestellungen vor.

Ein Beispiel für Kuballs Kreativität ist das Installationsprojekt „greenlight“,

das in Montevideo, in einem Stadtviertel mit besonderem Bezug zum sozialen Gedächtnis,

und zudem in einer Strasse mit dem besonderen Namen Democracia (Demokratie) rea-

lisiert wird. „greenlight“ ist eine vorübergehende Intervention im öffentlichen Raum.

Kuball beleuchtet einige Häuser in einer Straße einer Gegend, die einen großen Teil der

jüdischen Einwanderer beherbergte, und die ihre Blütezeit in den zwanziger und sechziger

Jahren dieses Jahrhunderts erlebte. Er verwendet gewöhnliche Beleuchtung, ein all

tägliches Element in den Städten, entfernt sie jedoch von ihrer nützlichen Funktion, indem

er ihre Bedeutung entfremdet und so besondere Assoziationen provoziert. Der öffentliche

Kontext wird durch seine Aktion verändert.

Als Beispiel für die strukturellen Veränderungen des Viertels dient ihm die “Straße

der Demokratie“; dort beobachtet er den Verfall sowie die bewohnten Häuser, er findet

heraus, welche Wohnungen verlassen sind, und markiert einige Häuserfassaden mit einem

visuellen Zeichen. Durch die Beleuchtung regt er zum Nachdenken an. Kuball arbeitet als

Fragender und als Forscher, ein weiteres vielverbreitetes Merkmal der konzeptionellen

und politischen Kunst unserer Zeit. Er zeigt auf, deutet an und klärt, fördert die Diskussion und

veranlasst zum Nach-denken über das Thema der Ein- und Auswanderung. Er entfremdet das

Umfeld, um uns auf subtile Weise zum Nachdenken zu bringen; deshalb arbeitet er weder

mit Bildern, noch mit Schriften oder Figuren, die zu einer einzigen Bedeutung oder zu einer

offenkundigen Erklärung führen könnten. Sein Werk hat keine selbstverständlichen Bot-

schaften und strebt nicht an, durch explizite Beschreibungen die Geschichte des Ortes und

seiner Bewohner zu erzählen.

Die Zeit vergeht, doch Kuball hält sie an, um hervorzuheben, was sonst leicht vergessen

wird. Licht und Schaffen einer Gesellschaft, einer Lebensweise und einer Gemeinschaft

werden markiert. Kuball verleiht der Straße und ihren Häusern ein neues Antlitz. Er greift in

den städtischen Raum ein, ohne ihn zu beschädigen, um aufzuzeigen, um Bedeutung zu

verleihen, um das Dunkle sowohl im wirklichen als auch im übertragenen Sinne zu beleuchten.

Er fordert eine Reaktion des Betrachters heraus, indem er ihn auf die Lücken des Gedächtnisses

aufmerksam macht. Sein Werk setzt auf die Teilnahme des Zuschauers, die Interaktivität,

und regt die Suche nach den Spuren einer verlorenen Identität an.

Die Klarheit, der Glanz, die Fluoreszenz, der Schimmer, das Strahlen und die Leucht-

kraft ermöglichen den Dialog mit diesem Teil der Stadt, der für die jüdische Gemeinde und für

die Geschichte der uruguayischen Gesellschaft in ihrer Heterogenität von großer Bedeutung

ist. Mit dem Licht deckt Kuball auf, erführt einen sowohl realen, als auch symbolisch

verstandenen Akt der Beleuchtung durch; indem er ein fließendes Mittel verwendet,

bringt er Ideen und Gedanken über den Wandel der Zeit zum Fließen. Die Vergangenheit

wird wieder spürbar. Es entstehen Dialoge und Konfrontationen zwischen Ab- und

Anwesenheit, zwischen dem Vergänglichen und dem Stabilen.

Über die Kurzlebigkeit des Mittels rettet Kuball das Dauerhafte, die Geschichte und so

entsteht ein interessantes Paradox: das Flüchtige und Vorübergehende macht die Vergangenheit

greifbar. Indem er beleuchtet, kommt Kuball historischer Blindheit entgegen, widersetzt sich

Dunkelheit und Verdrängungsmechanismen. Er greift die reiche Symbolik der positiven

Aspekte des Lichts auf und regt an, sich vom Düsteren und Ominösen fernzuhalten, um in

eine positive Etappe der Erneuerung einzutreten. Sein Projekt spricht von der Notwendigkeit,

die Finsternis hinter sich zu lassen, um zum Wissen zu gelangen: Fiat Lux, es werde Licht.

Das Chaos soll geordnet werden. Post tenebras lux. Haor.

Er benutzt Grün, die Farbe der Hoffnung, und weist damit auf gefundene und verlorene

Träume hin und auf die Fähigkeit, sie wiederzugewinnen, sowohl innerhalb der jüdischen

Gemeinde, als auch bei den an deren Einwanderern, den heutigen Bewohnern des

Stadtviertels sowie den Einwohnern Montevideos und ganz Uruguays.

Democracia ist eine Strasse des Stadtviertels, das zum Zentrum der Juden wurde,

die der Verfolgung, den Pogromen, dem Elend, Kriegen, Rassismus, Nazismus und

Holocaust entkommen waren. Ein Teil von ihnen war bereits während der ersten

Nachkriegszeit emigriert, ein anderer kam dort als Opfer des Naziregimes an. Es gab

Überlebende des Holocausts, die ihre ganze Familie vor dem Hintergrund einer

rassistischen Ideologie und eines politischen Systems verloren haften, das sich in

Deutschland, dem Geburtsland Kuballs breit gemacht hafte. Dieser in Deutschland

erfolgte historische Bruch, dieses schwer wiegende Vermächtnis des Bösen, die ge-

schichtliche Last ist in diesem Projekt ebenfalls präsent, und es ist kein Zufall, dass

Kuball einen Ort und eine Straße gewählt hat, die das jüdische Gedächtnis in sich vereinigen.

Kuball nimmt an der Vergangenheit der Opfer eines deutschen Regimes teil.

Kuballs Wahl lässt in uns die Viertel Villa Muñoz und Goes, das nördliche Reus

und die Straße Democracia lebendig werden, Orte, an denen es jahrzehntelang ein überaus

intensives Gemeinschaftsleben gab. Es war eine Atmosphäre ununterbrochener Arbeit, die

die Mitgliedern der jüdischen Gemeinde verband, die unter erbärmlichsten Bedingungen ange-

kommen waren (die Mehrheit war völlig mittellos). Sie lebten von ihrem Gewerbe mit

der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Das Leben basierte auf einer strikten Arbeitsmoral,

ohne feste Arbeitszeiten und mit einer strengen Sparkultur, die den Traum des Fortschritts, der

der Familie und den Kindern neue Möglichkeiten öffnen würde, in die Wirklichkeit umsetzen

sollte. Und das damalige Uruguay erwiderte diese Vorstellungen auf positive Weise. Während

seiner goldenen Jahre gab ihnen dieses Land eine Chance.

Anfangs mieteten sich die Juden in einem einfachen Zimmer mit gemeinsamen Toiletten

ein, zogen in zwei Zimmer mit eigenen Toiletten, wenn sich ihre Lage langsam verbesserte, bis

sie sich schließlich eine eigene Wohnung kaufen konnten. Mit der Zeit ging es ihnen besser, und

bald konnten sie ihren Kindern eine Schul- und Universitätsausbildung sowie neue Einkommens-

quellen bieten. All dies wurde unter großen Mühen erreicht.

Villa Muñoz, Goes und das nördliche Reus-Viertel wurden gut organisierte Stadtviertel,

die sich praktisch selbst versorgten. Es gab Synagogen, Klubs, Feinkosthändler mit den

typisch aschkenasischen Gerichten und ein äußerst lebendiges Gemeinschaftsleben.

Democracia war die typische Straße des Viertels, fast nur von Juden bewohnt, mit einem

intensiven Austausch innerhalb der Jiddisch sprechenden Nachbarschaft. In ihrer Umgebung

und im ganzen Viertel gab es kleine Läden, einfache Bars, Synagogen, jüdische Schulen, wie

die Sholem Aleichem und die Dr. Herzl-Schule, sowie zionistische Klubs. Die Synagogen

erfüllten mehrere Funktionen gleichzeitig: neben rein religiösen Zwecken dienten sie als Orte

des Beisammenseins und Sitz der Hilfsorganisationen für die Einwanderer. Zahlreiche Kenim

(Lokale zionistischer Klubs) wie z. B. des Hanoar Hatzioni und des Hashomer Hotzair befanden

sich hier. Die Kinos des Viertels waren Jugend- und Freizeittreffpunkt.

Man verbrachte viel Zeit auf der Straße, die für das Zusammenleben eine wichtige Rolle

spielte. In einigen Straßenzügen war die große Mehrheit der Bevölkerung jüdisch (in der

Straße Porongos gab es nur zwei nicht-jüdische Familien, die mit Sitten der jüdischen Gemeinde

vertraut waren und mit ihren Nachbarn harmonisch zusammenlebten). Unter den äußeren

Bedingungen großer Sicherheit war das Zusammenleben zwischen den „paisanos“ und ihren

nicht-jüdischen Nachbarn eng, friedlich und konfliktlos, von Antisemitismus war nichts zu spüren.

Das Essen spielte eine wichtige Rolle, es war hausgemacht, alles Notwendige dazu war

vorhanden: Märkte, Geflügelläden und Metzgereien boten koschere Erzeugnisse an, die ent-

sprechend den religiösen Vorschriften hergestellt wurden. Man ging jeden Tag auf den Markt,

wo es die billigsten Lebensmittel gab und kaufte täglich Eis beim Frigorífico Modelo, denn ein

Kühlschrank blieb für die meisten noch jahrelang unerschwinglich.

Später fanden große Veränderungen statt, die Juden zogen in andere Stadtteile

Montevideos um. Das Viertel verarmte und verfiel, die Häuser kamen herunter, wurden

nicht renoviert; Architektur ging verloren und viele historisch wertvolle Gebäude verschwan-

den. Zurück bleiben Phantomvorstellungen und Erinnerungen an Erlebnisse, voneinigen

gelegentlich noch wachgerufen, die den jüngeren Generationen jedoch kaum mehr bekannt

sind. Weder im Stadtviertel noch in der genannten Strasse lassen sich Elemente finden, die auf

die für die jüdische Gemeinde so bedeutsame Vergangenheit aufmerksam machen, die auch für

Uruguay von größter Wichtigkeit ist, ein Land, das eine offene Zufluchtsstätte war, das bedeutende

Einwanderungsbewegungen aufnahm, dessen Entwicklung ohne die Immigrantenströme

undenkbar wäre und das eine beispielhafte Demokratie hafte, die erst in dem Zyklus von

Krise, Gewalt, Terror und Staatsstreich zusammenbrach. Das Einwandererland Uruguay

wurde zu einer Gesellschaft, die heute durch die Emigration ausblutet.

Durch seine Intervention trägt Kuball zum Erhalt der Zeugnisse menschlicher

Schicksale bei. Er erinnert an Menschen, die aus ihren Geburtsländer geflohen sind und

entwurzelt wurden und sich in einem anderen Land zurechtfinden mussten, mit Grenzsituationen

konfrontiert waren und sich gezwungen sahen, eine andere Sprache und andere Sitten zu

erlernen, den Ängsten, Sorgen und Unsicherheiten des Exils ausgesetzt waren. Indem Kuball

seine Aufmerksamkeit auf ein Einwandererviertel richtet, stellt er Fragen, forscht und macht

sich Gedanken über das Überleben, den Widerstand, die psychologischen und physischen

Wunden des Auswanderns. Sein Werk macht damit in einem ethischen Aufruf auf die leidvollen

Erfahrungen der Immigranten aufmerksam und provoziert zugleich eine Auseinandersetzung

mit der in der uruguayischen Geschichte so untrennbar verbundenen Entwicklungen der

Demokratie.

Über die kollektive Bedeutung von „greenlight“ hinaus ist das Projekt für viele

Uruguayer auf individuelle Weise nützlich. Als Uruguayerin, Mitglied der jüdischen

Gemeinde und Zeitzeugin, hilft es mir bei einer Anamnese autobiographischer Erfahrungen.

Obwohl ich nie dort gewohnt habe, ist meine Verbindung zu diesem Viertel sehr eng. Mein

Vater wuchs gerade in der Straße Democracia auf, inmitten einer Familie von einfachen

Juden aus Polen, und dort lebte er bis zu seiner Heirat. In dieser Straße verliebte er sich in

meine Mutter und ich bin das Ergebnis dieser Verbindung, die auf den Bürgersteigen der

Straße Democracia entstand. Meine Großeltern Isaac und Guitele lebten noch während

meiner Kindheit dort, und meine Besuche in ihrem Haus sind Teil meiner ersten Erinnerungen.

Ich erinnere mich daran, daß ich an der Hand meines Großvaters Isaac zur Synagoge in der

Inca-Straße ging; auch an die unvergesslichen Iom Kippur-Tage, an die Suppe meiner

Großmutter und die Farbe des Geschirrs, an den Geruch der aschkenasischen Gerichte und

die erstaunliche Produktvielfalt in den Wurstgeschäften. Meine Großeltern mütterlicherseits,

Victor und Natalia, und ihre Kinder Abraham, Perla und Pitula, wohnten ebenfalls eine

Zeitlang im nördlichen Reusviertel, auch ihre Erzählungen aus dem Viertel bereicherten meine Kindheit.

Als Teenager besuchte ich das Viertel während der jüdischen Feiertage und ging von

Synagoge zu Synagoge, machte mit meiner Mutter Einkäufe, um die typischen Produkte der

aschkenasischen Küche zu bekommen, und besuchte oft meinen Onkel und meine Tante,

die in der Justicia-Straße wohnten, im Zentrum des jüdischen Viertels. Als junge Frau

verbrachte ich mit Polo unvergessliche Abende im gastfreundlichen Haus der Freunde Icu

und Olga Rosenbaum in der Straße Porongos. Seit Jahrzehnten verbinden sich meine Erinner-

ungen mit Polos Erlebnissen auf diesen Straßen. Kuball hat auch meine/unsere Vergangenheit beleuchtet.

A la recherche du temps perdu.






In: Mischa Kuball: Greenlight: Jewish Immigration in Uruguay: Street of Democracy, ed.: Goethe-Institut Montevideo
Montevideo 1999, S. 47-56.

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