Johannes Stahl



Rauhfaser // Kunst

Wand

Am Anfang war die Wand. Menschen wollten sich schon

immer von ihrer Umwelt abgrenzen, und sie wollten sich

auch unterscheiden. Diese Wand war als Idee nahe liegend,

aber auch ungemein praktisch: man konnte sie verändern.

Sie wuchs mit den Bedürfnissen ihrer Bewohner und war

gleichzeitig auch schön.

Besondere Erwähnung verdient, dass das Wort „Wand“ als

eines der ganz wenigen Fachwörter der Architektur ist,

welches nicht aus lateinischen, sondern germanischen

Wurzeln stammt: „Wand“, „Winden“ und „Weiden“ gehören

zur gleichen Sprachwurzel.

Mit den ersten Wänden aus geflochtenen Weiden hielt das

Ornament Einzug in den Reigen möglicher Gestaltungen.

Worauf man sah, wenn man die Wand betrachtete, war eine

Mischung aus geordneter Struktur durch das Flechtwerk und

freiem, vegetabilem Wuchs. So ergibt diese Ur-Wand immer

wieder einen Anreiz, sie und ihre Überraschungen genau in

den Blick zu nehmen.

Heute verfügt man über viele Möglichkeiten. Dabei ist

keineswegs mehr uneingeschränkt selbstverständlich, dass

eine Wand durch und durch natürlich ist und aus organischem

Material besteht. Wie eine textile Struktur geflochten, bildete

diese Wand aus Weiden eine  Art zweiter Haut. Ganz ähnlich,

wie man es auch von Kleidung erwartet, lebt und atmet sie

mit den Bewohnern.

 

Inspiration

Das Wände immer eine wichtige Quelle der Inspiration sind, hat

kein geringerer als Leonardo da Vinci in seinem Traktat über

die Malerei betont. Gerade das Zufällige und Unregelmäßige

beflügele die Fantasie, lehrte der Meister.

Gealterte und abgenutzte Wände haben seither stets ein

besonderes künstlerischer Augenmerk gefunden. Die oftmals

überraschenden Spuren ihrer Geschichte waren dabei Anreiz für

die Fantasie und die Suche nach den sich darin abzeichnenden

historischen Hintergründen. Die technische Herausforderung,

den geronnenen Formen und Strukturen des Zufalls mit der

eigenen Technik eine weitere Note abzuringen, ist ein zweiter

Grund, warum immer wieder sorgfältig wiedergegebene Abriss-

wände gezeichnet, gemalt oder fotografiert werden. Kein Wunder

ist es also, wenn sich die Symbolisten oder die Surrealisten

besonders intensiv mit diesen aufgeladenen Wänden beschäftigten.

Ein besonderes Beispiel für diese Impulse bietet eine Installation

von Dagmar Schmidt. Sie fasst einfühlsam zusammen, was die

Faszination solcher Wände ausmacht. Die gewachsene Spur

der Geschichte an den verlebten Wänden eines alten Zimmers

in einer sächsischen Kleinstadt hat sie fotografisch festgehalten.

Ihre weitere künstlerische Bild-Verarbeitung setzt das Ergebnis

in kostbare Stickerei um, die wiederum wie eine Rekonstruktion

dieses Wandstücks gezeigt wird.

Die Transfers sprechen ihre eigene Sprache. Noch immer sind

Wände nicht nur der Ort, wo Kunst aufgehängt wird, sondern selbst

ein Ausgangspunkt künstlerischer Aufmerksamkeit und deshalb

auch künstlerischer Gestaltungen. Zunächst hatte die Künstlerin

geplant, diese Fotografien vom Verfallszustand der Wand aus der

Barockzeit im computerisierten Webstuhl zu einem Gobelin

umzusetzen. Letzten Endes entschied sie sich für das – eher

malerische – Verfahren der Stickerei mit der Nähmaschine.

Die Installation an Wänden von Kunstorten vollzieht einen

Transfer oder Räume, Zeiten und Medien hinweg.

Hinter solchen Spuren verbirgt sich Psychologisches und

Politisches, nicht zuletzt auch für die Betrachter und

Interpreten: was man selbst in diese Spuren hinein liest, sagt

ebenso viel aus über den Interpreten wie über die Wand.

 

Farbe

„I see a red door and I want it painted black“, sangen die Rolling

Stones in den 1960er Jahren, und seit jener Zeit sind nicht

wenige Räume entsprechend ausgestaltet worden. Vielfältige

Überlegungen führten zu Räumen, für die eine einheitliche

Farbgebung die Atmosphäre prägt. In diesen Farbräumen kreuzt

sich der generelle Wunsch nach der angenehmen Farbgebung

von Räumen mit der Absicht von Künstlern, in reiner, geläuterter

Weise das innere Wesen von Farbe zum Klingen zu bringen.

Yves Klein stellte 1959 in einer rein weißen Galerie „Das Leere“

aus und provozierte mit dieser „Zone der malerischen Sensibilität“

eine heftige Diskussion herauf. Nicht weniger radikal, aber unter

privateren Vorzeichen schuf 1968 in München Rupprecht Geiger

mit seinen intensiven Pigmenten den „farbraum rot‘. Ihre Äqui-

valente finden solche Mal-Installationen in der Forderung nach

dem „White Cube“, dem möglichst neutralen Ausstellungsraum,

in dessen weißer Zelle möglichst nichts von den ausgestellten

Arbeiten ablenkt.

Natürlich klingen solche konsequenten Positionen der 1960er

Jahre heute in vielen alltäglichen Raumgestaltungen wieder.

Zwischen optischen Leitsystemen, farblich abgestimmten

Räumen und persönlich geprägter Wohnraumgestaltung hat

sich ein breites Anwendungsfeld farbiger Wände entwickelt.

Jede(r) kann das heute praktisch nachvollziehen – Wände und

genügend Farbe vorausgesetzt.

Mischa Kuball hat beides verbunden und Licht eingesetzt,

um Räume farbig zu gestalten. Der Titel „Darkroom“ und

das verwendete rote Licht spielt mit den Erfordernissen des

Fotolabors und der „Black box“, der für selbstleuchtende

Kunst optimalen Bedingung.

Der französische Künstler Christophe Cuzin machte hier einen

weiteren Schritt. „Eine leichte Verschiebung“ vollzieht die

Struktur der Wand in kräftiger Farbgebung nach, verschiebt

sie jedoch leicht. Die so entstandene neue Wandschicht bringt

das eigentümlich verbaute Ambiente eines mittelalterlichen

Klosters, das jetzt Kunstmuseum ist, geradezu zum Tanzen –

und leitet die Besucher so als starkfarbiger Auftakt in das

obere Geschoss mit seinen Ausstellungen.

 

Bauhaus

Besondere Aufmerksamkeit widmete solchen grundsätzlichen

Fragen zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Bauhaus – immerhin

wollte diese Kunstschule Alltag, Technik und Kunst   in einen

stimmigen Zusammenhang bringen. Wie verhalten      sich

beispielsweise die Dimensionen des Raums zueinander?

Wie hoch muss der materielle Aufwand sein, um eine gültige,

funktionstüchtige und in sich ehrliche Form zu haben?

Praktische Fragen der Innenarchitektur schwingen genauso

mit: wo ist der ästhetisch und organisatorisch beste Ort für

Bilder, Fenster, Lampen, Heizung und Möbel? Welche Rolle

spielen Licht, Farbe und Schatten im Zusammenhang mit dem

Raum? Ein Bild an der Wand – oder ist ein gut gestalteter

Raum in sich schon Bild genug?

In den Meisterhäusern des Bauhauses in Dessau, die man

liebevoll rekonstruiert hat, zeigt sich, dass die farbliche

Gestaltung von Wänden ein wesentlicher Punkt war. Wassily

Kandinsky beispielsweise gestaltete seine Leseecke sogar mit

einem Goldgrund.

Weitere Überlegungen richteten sich auf die Struktur der

Wand. In den späten 1920er Jahren setzten Entwürfe für

Tapeten entsprechende Ideen um: als genau jenes abstrakte

Ornament, nach dem die Künstler suchten, um ihren

Vorstellungen einer noblen Einfachheit Form zu geben. Am

Bauhaus war man überzeugt davon: das gestalterische Know

How dieser richtungweisenden Kunstschule könnte und sollte

allgemein akzeptiert und verwendet werden.

Mischa Kuballs Arbeit „Erfurt 52“ bindet hier weitläufige

Strömungen aus dem Zusammenhang von Wand, Bauhaus und

Bautätigkeit zusammen. Das klare und verbreitete Ornament

der Rauhfaser erscheint auf dem Tapeziertisch. An der Wand

des Bauhauses installiert, nimmt es genau solche ästhetischen

Überlegungen auf, wie sie hier ihren Ausgangspunkt hatten.

Die Installation mit den Tapeziertischen gut 60 Jahre später

bezieht jedoch eine deutlich skeptischere Position. Sie spielt

darüber hinaus auch auf weitere Fragen an, die am Bauhaus

heiß diskutiert wurden und im Laufe der Zeit seither immer

wieder offen bleiben musste: die plastische Struktur der Wand

sowie ihre Offenheit für weitere gestalterische Prozesse.

Wassily Kandinsky hatte sie 1937 in seinem Essay „Die nackte

Wand“ beschworen: „Auch ich liebe die kahle Wand, weil sie

einer der Klänge der neuen kommenden Romantik ist ... .“

 

Fassade, Ornament

1908 äußerte sich der Wiener Architekt und Essayist

Adolf Loos in seinem bahnbrechenden Aufsatz über den

Zusammenhang zwischen „Ornament und Verbrechen‘

Während es – so sein Beispiel – völlig normal sei, dass sich

in Neuguinea Menschen tätowieren ließen, sei das im Europa

um die Jahrhundertwende eine Domäne der Verbrecher. Dass

er diesen Vergleich polemisch auf die zu seinerzeit stark

ornamentierte Architektur übertrug, hat eine ähnlich heftige

Diskussion entfacht wie seine Gebäude, die ohne eben jenen

umstrittenen Schmuck an der Fassade auskamen.

Diese Diskussion um den Sinn von Ornamenten ist heute

keineswegs vom Tisch, zumal gerade in unseren Tagen

Tätowierungen häufig vorkommen. Obwohl in späteren

Lebensphasen schwer entfernbar, sind sie als Ausdruck eines

intensiven, aktuellen Lebensgefühls durchaus salonfähig

geworden.

Gerade Künstler nehmen heute diese Analogie von Wand

und Haut als ein relevantes Thema deutlich wahr. So pflanzte

der koreanische Künstler In Ho Baik 2005 einer Wand Haare

ein; ein subtiler Prozess, der – wie eine kosmetische

Operation auf einer weißen Wand ausgeführt – erst auf den

vierten Blick wahrnehmbar war.

Guiseppe Penone bedeckte 2007 auf der Biennale in Venedig

die Wände einer Ausstellung mit großformatigen Lederstücken.

Dabei prägte er die Lederstücke mit der rissigen Struktur

von Baumrinde. Das reflektierte nicht nur die ornamentale

Funktion nobler Ledertapeten vergangener Epochen, sondern

auch die Entsprechung von Wand und Haut als existentiellem

Schutz.

Die Künstlergruppe Inges Idee brachte in diese Diskussion

einen großformatigen ironischen Kommentar ein. An der

Fassade eines Düsseldorfer Parkhauses, die von eckigen

Betonornamenten gegliedert ist, brachten sie überdimensionalen

Schmuck an.

Neben dieser Maßnahme sind im Zusammenhang zwischen

„Fassade“ und „Face“ – zweier im Stamm eng verwandter

Wörter – viele weitere Beziehungen denkbar. Die Komik

bezieht diese ungewöhnliche Kunst am Bau jedoch aus der

Tatsache, dass sie ungewohnt offen mit dem Aufhübschen

städtischer Wände umgeht. Der Vorhangfassade, einer eher

kosmetischen Lösung, hänge sie selbst etwas vor. Piercing und

Modeschmuck als zeitabhängige und oft recht vorübergehende

Dekorationssysteme stellen hier die Grundlagen einer gültigen

und im Ergebnis offenen Wandgestaltung in Frage.

 

Struktur und Ordnung

Welches Ornament passt gut zu einer Wand? Seit sich Menschen

mit ornamentierten Formen beschäftigen, verläuft zwischen

strengerer Ordnung und Zufall ein tiefer Graben. Geordneter

Rapport oder ungeordnete Struktur, vorgeprägtes oder offenes

Ornament: Fast könnte man von einem grundsätzlichen

Richtungsstreit sprechen.

Es gibt genug Möglichkeiten, über die Entsprechung von

vorherrschenden Ornamenten und anderen Zeitfaktoren

nachzudenken. Kleinteilige Musterungen, wie sie die 1929

entworfenen Bauhaustapeten vorsahen, waren im Detail

klar lesbar und nach geometrischen Grundsätzen geordnet;

erst aus einiger Entfernung ergab sich durch die Mischung

ihrer engen Struktur ein flächiger Farbeindruck. Während

die Bauhaustapete ein durch neue, industrielle Techniken

geprägtes Zeitalter in ästhetische Form brachte, verleihen

die unruhigen und abstrakten Muster auf Möbeln und Stoffen

der 1950er Jahre dem Atom- und Kunststoffzeitalter einen

stimmigen Ausdruck.

Der tschechische Künstler Jirí Kolár hat immer wieder

Gegenstände mit eng bedrucktem Papier eingekleidet. Was

so entstand, war eine gewissermaßen alles Überziehende,

hautartige Oberfläche aus kleinteiligem Buchstabenornament.

Was für einen Apfel wie dessen Schale wirkt, nimmt als Bild

die Wechselwirkung mit der Wand auf. Aus einiger Entfernung

zu Grautönen verschmelzend, entpuppt sich diese Struktur

als eine potentiell unendliche Collage aus Fetzen bedruckten

Papiers. Mit einer Überfülle aus Informationen versehen, zeigt

es sich als Verbrauchsmaterial.

Vielleicht beschreibt diese gleichförmig inszenierte

Informationsflut eine Nähe zwischen einem Ornament

und der Zeit, gewissermaßen als schlüssige Form für das

Informationszeitalter. Und neben dem Management dieser

Datenfülle hat man begonnen, über die Wiederverwendung

eines Materials wie Papier stärker nachzudenken.

Aber auch die Gegenbewegung hat längst begonnen: die

sprichwörtliche fünfte Wand ist der Monitor. Der Häufigkeit

und Intensität entsprechend, mit der darauf geblickt wird,

ist die Diskussion um sie schon recht weit gediehen. Der

Desktop als die virtualisierte und zur Wand hochgeklappte

Schreibtischoberfläche ist Unterscheidungsmerkmal und

optischer Wohlfühlort in einem. Kein Wunder also, wenn

neben Familienbildern und monochromen Farbgebungen die

alte Tierhaut aktuell wieder zu einem beliebten Hintergrund

für das tägliche Arbeitsgeschehen wird.

 

Erfurt 52

Mischa Kuballs Installation „Erfurt 52“ verwendet und

thematisiert Rauhfaser. Nicht zufällig am Fenster des

berühmten Bauhaus-Treppenaufgangs, setzt sie auf eine

fragile Form aus Tisch, Rauhfaser und Farbe.

Rauhfaser ist als Prinzip offen: eine Oberfläche, deren

Regelmäßige Unregelmäßigkeit der Zufall bestimmt und deren

grobe bis feinere Oberftächenstrukturen durch ihr Relief eine

deutliche Belebung erreicht. Vieles ist möglich: Ruhe oder

Unruhe, Relief oder Glattheit, Farben zwischen Hochweiß,

Creme oder starken Tönen. Und sie ist offen  für die Möglichkeit

unterschiedlicher Räume und dafür, sie immer wieder anders

zu sehen und verwenden.

„Erfurt 52“ lotet diese Offenheit künstlerisch aus und regt

gleichzeitig weiter gehende Gedanken an. Als provisorisch vor

die Wand oder das Fenster geblendete zweite Wand bildet die

Arbeit eine Skizze für Raum schlechthin. Damit weist Kuballs

Installation in eine besondere Richtung.

Gerade experimentell Denkende und nicht zuletzt die

Selber-Macher mit ihren oft radikal einfachen Lösungen  für

Raumfragen bilden ein gewichtiges Potential. Sie suchen

nach offenen Prozessen, in denen sie verschiedene Faktoren

selbst bestimmen und weiter entwickeln können. Für die

Fragen des alltäglichen Lebens ebenso wie für die Ideen

der zeitgenössischen Kunst ist diese Offenheit eine gute Vorgabe.

 

 

In: Rauhfaser // Kunst: Wände im Wandel. Hg.: Erfurt & Sohn KG, Wuppertal 2008.

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