Christoph Asendorf




Licht - Raum - Modulationen
Über Kunstlicht und Architektur

Das Licht gehört in der Architektur zu den “weichen”

Gestaltungsfaktoren, denen längst nicht die gleiche Aufmerk-

samkeit wie beispielsweise den Fragen der Konstruktion

gewidmet wird. Natürlich wissen Architekten um die

grundlegende Bedeutung des Faktors Licht; Le Corbusier

etwa schrieb: “Die Elemente der Architektur sind Licht und

Schatten, Mauer und Raum.” (1) Durchmustert man aber

Geschichte und Theorie der Architektur, so bildet sich dieses

Beziehungsspiel nicht durchgängig ab. Natürlich wird über

den Schattenwurf etwa antiker Säulenreihen gehandelt oder

über das transzendierende Licht in gotischen Kathedralen. In

besonderem Maß gilt der Barock als lichtbewusste Epoche,

wurden doch hier nicht nur durch große Spiegelflächen

spezifische: Raumwirkungen erzielt, sondern auch, bei

Borromini beispielsweise, durch aufwendige und raffinierte

Lichtführungen. Auch erzeugen die gekrümmten und ge-

schwungenen Oberflächen dieser Architektur schon von sich

aus ein reizvolles und abwechslungsreiches Bewegungsspiel

des Lichtes.

Bis tief ins 19. Jahrhundert hinein ist jedoch, wenn über-

haupt, im Zusammenhang mit Architektur fast ausschließlich

von natürlichem Licht die Rede. Mit der beginnenden

Industrialisierung aber setzt eine Entwicklungsreihe von

Verfahren zur künstlichen Beleuchtung ein, die weit über

die historischen Öllampen und Wachskerzen hinausführen

sollte. Enorm schnell verbreiteten sich insbesondere die

Glühlampe, die Edison 1879 präsentierte, und später die

Neonröhre; schon auf der Pariser Weltausstellung von 1900

wurde eine Art Apotheose des elektrischen Lichts geboten.

Dass nun die Nacht gleichsam zum Tage gemacht werden

konnte, wirkte sich nicht nur auf die allgemeinen Lebens- und

Arbeitsformen, sondern natürlich auch auf Theorie und

Praxis der Architektur aus. Mit Bruno Tauts Glaspavillon auf

der Kölner Werkbundausstellung und den Lichteffekten,

die Paul Scheerbart ebenfalls 1914 in seiner Schrift

Glasarchitektur prognostizierte, schien die Zukunft eines

bewussten Gestaltens auch mit künstlichem Licht begonnen

zu haben.

Umso erstaunlicher ist es dann, dass etwa im Bauhaus,

wo man ja über transparente Glasfassaden und

Tageslichtführungen ausgiebig nachdachte, das elektrische

Licht mit seinen besonderen Möglichkeiten für die räumliche

Gestaltung zumindest in den ersten Jahren keine irgendwie

bemerkenswerte Rolle spielt. Von glatten weißen Decken

strahlte wenig zielgerichtet das grelle Licht nackter Lampen

und Röhren. Auch die so genannten Bauhauslampen sind

eher unter dem Gesichtspunkt der Vereinfachung der

Produktion, und nicht unter dem der Verbesserung der

Beleuchtungsqualität entstanden. Und in dem Büro, das

sich Walter Gropius 1923 entwarf, bilden die röhrenartigen

Lampen unter der Decke zwar eine aparte geometrische

Struktur, im Alltagsbetrieb aber musste eine herkömmliche

Schreibtischlampe die mangelhafte Beleuchtung verbessern. (2)

Tatsächlich wurde der Terminus “Lichtarchitektur” nicht

von Architekten, sondern von einem Naturwissenschaftler in

die Debatte geworfen. Joachim Teichmüller verwendete ihn

erstmalig 1926 in einer in Düsseldorf gezeigten Ausstellung

des Lichttechnischen Institutes der Technischen Hochschule

Karlsruhe und ein Jahr später in einem Aufsatz. Dabei geht er

von der selbstverständlichen Erfahrung aus, dass bei jedem

Bauwerk das Licht die Architektur gleichsam lesbar mache.

Dies aber sei Architekturlicht. Lichtarchitektur könne erst

dann entstehen, wenn “das Kunstlicht oder die Beleuchtung

mit künstlichem Licht besondere architektonische Wir-

kungen hervorrufe, die gleichzeitig mit dem Licht entstehen

und vergehen.” (3) Teichmüller erkennt im Licht einen “neuen

Baustoff” (4), der eben nicht nur auch sonst Bestehendes

sichtbar machen, sondern selbst gestalterisch eingesetzt

werden kann. Künstliches Licht soll so von einem passiven

in ein aktives und integrales Element von Architektur

verwandelt werden.

Im Bauhaus dachte zunächst nur Lázló Moholy-Nagy, und

keiner der Architekten, intensiver über die raumbildenden

Qualitäten elektrischen Lichtes nach. In seinen Büchern,

besonders im 1929 erschienenen Band Von Material zu

Architektur, rekurrierte er mit zahlreichen fotografischen

Abbildungen, die er oft von Presseagenturen bezog, immer

wieder auf metropolitane Nachträume, deren Licht- und

Bewegungsdynamik für ihn ein Inbegriff des modernen

Raumes schlechthin war.

Im selben Jahr baute er auch seinen “ Licht- Raum

Modulator”, eine Konstruktion, die von einem Elektromotor

in Rotation versetzt und von 75 (darunter einigen farbigen)

Lampen in einem bestimmten Rhythmus beleuchtet wird. Die

perforierten Metallscheiben, Gläser, ein Spiegel und noch

einige andere Elemente werfen, zum Teil gegenläufig bewegt,

Lichtreflexe und Schatten in den umgebenden Raum. Diese

kinetische Skulptur kann als ein Simulator städtischer

Lichtdynamik verstanden werden, als ein Instrument, um

Lichtwirkungen im Raum zu erproben. Moholy-Nagy aber

dachte an einen Medienverbund, mit dem es möglich würde,

ephemere Lichträume an jedem beliebigen Ort zu erzeugen:

Lichtspiele könnten durch Radio übertragen werden,

in der Weise, dass die Empfänger Beleuchtungsapparate

besitzen, die “von der Radiozentrale mit elektrisch regulier-

baren Farbfiltern ferngelenkt werden”. (5) So wären, wenige

Jahre vor der Einführung des Fernsehens, die Wände der

Wohnzimmer zu Projektionsflächen abstrakter Licht- und

Schattenspiele geworden.

 

Welche Rolle künstliches Licht als autonomes architek-

tonisches Element tatsächlich spielen könnte, ist

von keinem Architekten der klassischen Moderne so

dauernd untersucht worden wie von Ludwig Mies

der Rohe. Über vier Jahrzehnte finden sich Projekte, die

auf ganz verschiedenen Ebenen die neuen Möglichkeiten

durchspielen – ein oft unterschätzter Aspekt seines Werkes.

Ein erstes und nicht realisiertes Projekt von 1928/2

das Kaufhaus Adam in Berlin hat noch

expliziten Bezug zur Welt der Reklame. Sie erscheint

hier allerdings nicht mehr in der Form horizontaler und

die Fassade zerstückelnder Leuchtbänder, sondern so,

dass die gesamte Fläche der Fassade mit einbezogen ist.

Der Bau besteht aus einer Skelettkonstruktion mit einer

vorgehängten und oberhalb des Erdgeschosses mattierten

Glasfassade. Nur die einzelnen Etagen zeichnen sich noch

als schlanke horizontale Linien ab. Tagsüber ergibt das innen

ein mildes, gleichmäßiges Licht. Am Abend jedoch ist das

Gebäude, so Mies van der Rohe an den Auftraggeber, „ein

gewaltiger Lichtkörper und Sie sind in der Anbringung von

Reklame ungehindert. Sie können machen, was Sie wollen,

gleichviel, ob Sie darauf schreiben „Zur Sommerreise“, „Zum

Wintersport“ oder „4 billige Tage“. Immer wird eine solche

Leuchtschrift auf dem gleichmäßig erhellten Hintergrund eine

märchenhafte Wirkung ergeben.” (6) Dieses Projekt wäre ein

Vorläufer heutiger Medienfassaden geworden – ein ganzes

Gebäude als Lichtkörper, auf dem Schriften erscheinen wie

auf einem Bildschirm.

Im Barcelona-Pavillon von 1929 bildet Mies van der Rohe

eine ganze Wand, Innen- und Außenseite, als Leuchtkörper

aus. Diese Leuchtwand besteht aus Milchglasscheiben,

zwischen denen sich Lichtelemente befinden. Doch nicht

diese Elemente werden sichtbar, sondern die ganze Wand

erscheint als homogen Leuchtende Fläche. Die Integrität der

reinen Fläche wird bewahrt, die Wand wird nicht mehr

beleuchtet, sondern leuchtet selbst. Mies van der Rohe

verwandelte ein Mittel der Reklametechnik, die

Großflächenleuchte, in Architektur. Die Leuchtwand steht

gleichberechtigt neben den anderen Wänden aus Glas und

Marmor. Zugleich aber ist sie in ihrer formalen Klarheit das

komplexeste Bauelement, erfüllt sie doch drei Funktionen:

tagsüber die des Fensters als Lichteinlass, nachts die

einer Lichtquelle — und zudem ist sie undurchdringlicher

Raumabschluss Die Wand wird multifunktional.

 

Bei dem 1958 vollendeten New Yorker Seagram Building

wird Licht zum integralen Architekturelement. Hier

ging es nicht einfach um Licht in den Büroräumen, sondern

die Beleuchtung wurde von vornherein auf Wirkung auch

nach außen ausgelegt, was neu war in der Bürohochhaus

architektur. (7) Mies van der Rohe legte auf jeder Etage bis in

eine Tiefe von vier Metern hinter den Fensterfronten einen

Lichtring um das Gebäude. Das Ergebnis kann man auf

älteren Photos (denn die Anlage wurde seit der Energiekrise

von 1973 nicht mehr in Betrieb genommen) erkennen:

Den Passanten wurde unabhängig von der tatsächlichen

Nutzung der Räume und außerhalb der Arbeitszeit nicht nur

der Eindruck einer einheitlichen Beleuchtung des ganzen

Gebäudes geboten — die breiten Lichtringe scheinen darüber

hinaus die einzelnen Geschossebenen zu übereinander

schwebenden Lichtscheiben zu entmaterialisieren. So wird

der Bau fast zu einer Lichtskulptur.

In einem seiner letzten Bauten perfektionierte Mies van

der Rohe das System der auch schon im Seagram Building

zum Einsatz gebrachten Leucht- bzw. Lichtdecke. Seit den

Fünfzigerjahren war sie in den Bauten des Internationalen Stils

üblich geworden, und zwar meist in Form einer abgehängten

Unterdecke, ein Element also unabhängig von der statischen

Struktur. Im Bankpavillon des Toronto-Dominion Centre von

1970 hingegen integriert Mies van der Rohe die

Lichtdecke in das sichtbar gelassene tragende Stahlskelett.

So bilden die Deckenkassetten mit ihren Lichtfeldern und die

umlaufenden Stützen mit den zwischengehängten großen

Glasflächen eine gestalterische Einheit. Auf Schwarz-Weiß-

Fotos, die einen Blick durch die Halle in den Außenraum

zeigen, hat die Lichtdecke in etwa die gleiche Helligkeit wie

eine gegenüberliegende weiße Häuserfront im Tageslicht – der

elektrisch beleuchtete Pavillon mit seiner vergleichsweise

zart wirkenden Gitterstruktur erinnert hier von fern an den

Londoner Kristallpalast, der einem Besucher als ein “Stück

herausgeschnittener Atmosphäre“ (8) erschienen war.

Ganz anders sind die Beleuchtungtechniken bei der

Neuen Nationalgalerie in Berlin. Für die Bildwände

im Untergeschoss kam das so genannte “Wallwashing” zum

Einsatz: punktförmige Lichtquellen in der Decke erzeugen

 

eine gleichmäßige Beleuchtung der Wandfläche, eine Technik,

die hier, wie sich der Lichtplaner Hans v. Malotki erinnerte,

erstmals in Deutschland angewendet wurde. (9) In der großen

oberen Halle gab es “Downlighting” für die vertikalen

Flächen, Licht aus in die Kassettendecke integrierten Lampen.

Weiter wurde hier die, wie der merkwürdige Ausdruck lautet,

“Darklight”-Technik eingeführt, um die große Stahldecke

selbst zu erhellen: das Licht kommt von oben aus kaum

sichtbaren Quellen, wird vom Granitboden reflektiert und

beleuchtet so auf eine schwer greifbare Weise die Decke. Von

innen gesehen, reflektieren die Glaswände den Museumsraum

und lassen zugleich die bewegten Lichter der nächtlichen

Stadt hereinscheinen. Wenn man aber nachts außen am

beleuchteten Bau vorbeifährt, sieht man keine Glaswände

mehr, sondern nur eine hell erleuchtete Bodenfläche und

darüber sanft schimmernd den Deckenraster schweben.

 

Auf der Brüsseler Weltausstellung von 1958 errichtete Le

Corbusier für die Firma Philips einen Pavillon mit sehr

besonderen architektonischen Qualitäten. Im Innern sollte es

eine Rauminszenierung mit wesentlich immateriellen Mitteln

geben —eine Aufgabe, die Le Corbusier für sich umformulierte:

“Ich werde keinen Philips-Pavillon bauen, sondern ein

elektronisches Gedicht.” (10) Er entwarf ein Szenario, das die

Geschichte der Menschheit in sieben Sequenzen erzählte. Die

Realisation bestand aus projizierten Bildern, Farbprojektionen

und der größtenteils elektronischen Musik Edgar Varèses.

Hier wurde ein Raum mit sich ständig ändernden

Eigenschaften erzeugt, der erst nach der Zufuhr elektrischer

Energie in Erscheinung trat. Auch dieser Raum ist eine Art

Lichtspielhaus, mit dem Unterschied aber, dass es nicht die

eine Leinwand mit dem darauf ausgerichteten Publikum

gibt, sondern dass die Besucher allseitig von den

Projektionen umgeben sind, welche auch die Raumgrenzen

markieren. Die spektakuläre äußere Hülle aus hyperbolischen

Paraboloiden allerdings ist, bei aller Dynamik ihrer

technoiden Formensprache, starr und ohne Verbindung zu

den Erscheinungen innen.

Le Corbusier ist einerseits auf dem Weg zu einer

Architektur  nur aus Licht und Klang und bleibt anderer-

seits, bei der Außenseite, auf die gewohnte Weise archi-

tektonischer Formbildung bezogen. Den nächsten hier mög-

lichen Schritt gingen dann die Planer von Las Vegas: sie

errichteten besonders in den fünfziger und sechziger Jahren

“dekorierte Schuppen” (Robert Venturi), architektonisch

anspruchslose Hüllen für Spielcasinos etc., die sie aber

innen und vor allem außen mit enormem Aufwand via

Dekorationskunst und Lichttechnik in eine besondere Spiel-

art von Architektur verwandelten. Als auf seine Weise be-

deutsames kulturelles Phänomen wurde Las Vegas wohl

zuerst von dem Schriftsteller Tom Wolfe beschrieben, der

es Mitte der sechziger Jahre mit Versailles verglich. (11) Diesen

Vergleich führte Reyner Banham weiter aus: Wo in Versailles

“die Raumbegrenzung durch massive Konstruktionen” an

erster Stelle steht, da sind diese in Las Vegas “das am

wenigsten dominierende Element für die Definition des

symbolischen Raumes”; hier geht es in der Hauptsache um

“virtuelle Volumina”. (12) Der “Strip” von Las Vegas ist nachts

ein Stadtraum fast nur aus Licht.

Heute deuten sich auch hinsichtlich der Lichttechnologien

neue Möglichkeiten an: Leuchtdioden (LEDs, Light Emitting

Diodes) werden nach mehreren Entwicklungssprüngen in den

letzten Jahren bald zu vertretbaren Preisen zur Beleuchtung

von Räumen oder Gebäuden eingesetzt werden. (13) Der Licht-

ingenieur Dieter Bartenbach schuf 2001 den ersten LED-

beleuchteten Raum überhaupt: 14.000 computergesteuerte farbige

und weiße Leuchtdioden ermöglichen es, die Farbtemperatur

stufenlos zu ändern. Mit LEDs kann man nicht nur Licht, sondern

auch Glas immer anders einfärben; so lassen sich transparente

Besprechungszonen farbig abtrennen oder, über LED-bestückte

Fenster, Räume in wechselnde Farben tauchen.

Von Seiten der Technik stehen hier also weitere Mittel

bereit, dem ästhetischen Bedürfnis zur Artikulation von

Übergängen, von nicht fixierten Zuständen Rechnung zu

tragen, wie man sie in der Gegenwartsarchitektur auffällig

häufig beobachten kann. So wie auf den Bildschirmen der

Informationsgesellschaft die digitalen Objekte immateriell

und manipulierbar sind, so bieten irisierende Oberflächen und

schwer greifbare Raumbilder dem Auge eine veränderliche

Erscheinung. Kontinuierlich arbeitet besonders der japanische

Architekt Toyo Ito an gestalterischen Problemen dieser Art.

Er geht aus von einem Konzept der “two bodies”: Wie ein

Mensch habe auch ein Gebäude zwei Körper, eine realen, der

aus seiner materiellen Präsenz besteht, und einen fiktiven,

dessen Umriss “durch die Information bestimmt wird, die an

ihn gerichtet wird oder die er empfängt.” (14) In einer Gesell-

schaft, die von Informationssystemen durchdrungen ist, sind

somit auch Gebäude zunehmend “Körper im Fluss”.

Seine Mediathek, die 2001 im japanischen Sendai

eröffnet wurde, erscheint als ein solches Gebilde:

Zwölf “Tubes”, filigran wirkende durchbrochene Stützen,

leicht unregelmäßig geformt und angeordnet und durch

alle Etagen laufend, tragen die einzelnen Ebenen des von

einem Glasvorhang umgebenen Baus. Sie sind Tragwerk,

Erschließungskerne und zugleich Energie- und Lichtversorger.

Künstliche Beleuchtung macht den Bau transparent und

zugleich zu einer veränderlichen Erscheinung farbigen Lichtes.

“The media library appears to be immersed in fluid: water,

Iight, information” (15) sie präsentiert sich wie körperlos, so

als würde Licht den Datenstrom substituieren. Solche Bauten

sind also nicht mehr über eine greifbare und festgelegte

Form definiert, sie werden gleichsam polymorph.

 

Von all diesen Ansätzen sind solche künstlerischen

Interventionen zu unterscheiden, bei denen gegebene

Architekturen durch Licht in ihrer Erscheinung verändert

werden. Wenn solche Eingriffe an für sich bedeutsamen

Bauten vorgenommen werden, kann es zu spannungsvollen

Dialogen zwischen dem ursprünglichen Architekturkonzept

und dessen gleichsam lichttechnischer Interpretation

kommen. Dies ist in besonderer Weise bei der Arbeit der

Fall, die Jenny Holzer 2001 in Mies van der Rohes Neuer

Nationalgalerie realisierte — eine Hommage an ihn in einem

seiner eigenen Bauten. Unter der kassettierten Hallendecke

brachte sie, allerdings nur  in einer Richtung, elektronische

Laufbänder an, durch deren Leuchtdiodenbahneri in endloser

Folge Texte fließen.

Doch weitaus wichtiger als die Inhalte der Texte ist die

räumliche Gesamtwirkung. Für den Betrachter, der in der

leeren Halle steht, scheinen sich durch die Reflexion an den

Glaswänden die Schriftzüge ins Unendliche fortzusetzen;

bei Dunkelheit, wenn das schwarze Deckenquadrat und der

Nachthimmel kaum mehr zu unterscheiden sind, hat er eine

scheinbar grenzenlose, immaterielle Decke aus Lichtbahnen

über sich. Mit dem hereinscheinenden Bild der nächtlichen

Lichter außen und den vielfältigen Reflexionen besonders an

den inneren Gebäudeecken entsteht ein integraler Lichtraum,

in dem sich das Museum und die um es zirkulierende

Großstadt zu durchdringen scheinen. Holzer hatte den Mies

van der Rohe Bau wochenlang umkreist (l6), sich sogar in

einem nahen Hotel einquartiert, um alle seine Eigenschaften

zu studieren und sie schließlich durch ihre Arbeit auf eine

bisher nie gesehene Weise zur Erscheinung zu bringen.

Derartige Dialoge sind insgesamt selten; einen vielfach

variierten Typus hingegen bilden Interventionen jener Art,

wie sie etwa Dan Flavin seit den 1960er Jahren ausgebildet

hat: durch fluoreszierende Neonröhren, die sichtbar oder

unsichtbar angebracht sind, also direkt oder indirekt leuchten,

Nischen, Fenster, Durchgänge oder Fassaden zu illuminieren.

Das Konzept lässt sich in Innenräumen so gut wie außen

umsetzen; für den Hamburger Bahnhof in Berlin entwarf Flavin

eine große Installation, die Gebäudeteile verklammert, den

Innen- und Außenraum verschränkt und noch auf große Distanz

den Bau markiert. Diese Arbeit, gebunden an architektonische

Vorgaben, die sie überspielt, erzeugt am gegebenen Objekt

eine Lichtstimmung eigenen Rechts.

Einen dritten Typus des lichtkünstlerischen Umgangs mit

Gebäuden bzw. Stadträumen repräsentieren einige Arbeiten

Mischa Kuballs. Hier geht starkes Licht von den Objekten

aus und stößt gleichsam dem Betrachter zu. So wird,

nachdem er an die Grenze zur Desorientierung gebracht

ist, dessen Aufmerksamkeit sich auf den Quellpunkt

der Irritation richten. Kuball benutzt dabei verschiedene

52 Techniken. Aus dem Innern der von der Straße abgelegenen

Synagoge Stommeln (refraction house, 1994) strahlten

überstarke Lampen so in die Umgebung, dass diese au

nahezu unheimliche Weise ausgeleuchtet erschien; da

Licht exponierte so prekär wie sinnfällig das Verhältnis de

Synagoge zu ihrer Nachbarschaft.

Bei der Arbeit FlashBoxOldenburg hingegen wird der

Stadtraum nicht, wie üblich, nur durch das sanfte Licht de

Straßenlaternen erhellt, sondern auch durch an zahlreichen

Gebäuden angebrachte Blitzlichter. Dabei kommen im

Stadtraum schwache, in den zum Projekt gehörige

Innenräumen des Oldenburger Kunstvereins und des Edith

Ruß-Hauses für Medienkunst sehr viel stärkere stroboskopisch

blinkende Lampen zum Einsatz. Lichtblitz-Stroboskop

sind ein starkes Leuchtmittel, das den verschiedenste

Zwecken dienstbar gemacht werden kann; man kann

zur Beobachtung von Bewegungsvorgängen einsetzen, zu

Musik beim Tanz in Diskotheken 8 oder auch als Waff

Dies jedenfalls ist die Idee der Glühbirne “Byron”, die

Thomas Pynchon in seinem Roman Gravity’s Rainbow mit

menschlicher Phantasie ausstattete: “Byron hat eine Vision

gehabt ...  von zwanzig Millionen Glühbirnen in ganz Europa

die auf das Signal eines seiner Agenten im Netz hin begänne

alle synchron stroboskopisch zu blitzen, bis die Menschen

zwanzig Millionen Zimmern zuckend um sich schlügen wie

Fische auf den Stränden der vollkommenen Energie”. (17)

Doch Byrons Absicht, mit der “ Stroboskop-Taktik” epi-

leptische Anfälle auszulösen, verhält sich zu Kuballs Arbeit

wie ein Akt der Blendung zu einem der Aufklärung: Das

Experiment FlashBoxOldenburg nämlich soll die Aufmerk-

samkeit der Bürger für ihren Stadtraum vorübergehend

andere als die gewohnten Zusammenhänge richten.

 

 

Anmerkungen

[1] Le Corbusier, Ausblick auf eine Architektur, Braunschweig 1982, S. 23.

2 Reyner, Banham, Die Architektur der wohl-temperierten Umwelt, in: Arch+93, 1988, S.49ff.

3 Hans T. v. Malotki, Auf dem Wege zur Lichtarchitektur, in: Daidalos 27/1988, 5. 70.

4 Joachim Teichmüller, Lichtarchitektur in: Licht und Lampe, 13/14, 1927, Sonderdruck. Vgl.

Werner Dechslin, Lichtarchitektur, in: Kot. Moderne Architektur in Deutschland 1900 bis

1950 . Expressionismus und Neue Sachlichkeit, Hg. Vittorio M. Lompugnanai na., Stuttgart

1994, 5. 117ff

5 László Moholy-Nagy, Lichtrequisit einer elektrischen Bühne; ders., Lichtspiel -Film, beide

Texte in: Krisztina Passuth, Moholy-Nagy, Weingarten 1986. 5. 328ff.

6 Mies van der Rohe, Briefentw. v. 2.7.1928, im Anhang von: Fritz Neumeyer, Mies von der

Rohe Das kunstlose Wort, Berlin 1986, 5. 368.

7 Jürgen Joedicke, Bürobauten, Stuttgart 1959, 5. 154ff, 142ft Wolfgang Schivelbusch, Licht,

Schein und Wahn, Berlin 1992, 5. 7, io6; zu Details siehe: Lighting is Architecture, in:

Progressive Architecture, Sept. 1958, 5. 139ff

8 Richard Lurae 1869. 5. Wolfgang Schivelbusch, Geschichte der Eisenbahnreise. München/

Wien 1977, 5. 47.

9 Hans T. v. Malotki, Lichtarchitektur, siehe Anm. 3, 5. 78, 82.

10 Le Corbusier, Le poème électronique, Eindhoven 1958, 5. 23.

11 Tom Wolfe, Das bonbonfarbene tangerinrot-gespritzte Stromlinienbaby, Reinbek 1968,

S. 12f, 20f.

12  Banham, Wohl-temperierte Umwelt, siehe Anm. 2, 5. 84.

13 deutsche bauzeitung 01/2001: Bauen mit Licht: Christian Weber, Ein Himmel unters Doch,

in: Focus 49/2001, 5. 148ff.

14 Toya ito in: Architecture New York, September 1994; vgl. Martin Pawley, Architektur im

Kampf gegen die neuen Medien, in: Kunstforum 133, 1996, 5. 215.

° Luigi Prestinenza Puglisi, Hyper Architecture . Spaces in the Electronic Age, Basel 1999,

S. 23; vgL Arch+148/1999, S. 36ff.

16  Nicola Kuhn, Die Lichtzeichnerin, in: Der Tagesspiegel 3.2.2002: Ulrich Clewing, In

Zukunft immer nur nachts, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (Berliner Seiten) 6.2.01.

17 Thomas Pynchon, Die Enden der Parabel (Gravitys Rainbow), Reinbek 1981, S. 1014.

Vgl. zu Stroboskop-Licht und optischer Reflexepilepsie: Arthur Janov, Anatomie der

Neurose, Frankfurt 1976, S. 232 und Albert Kreis, Reflexepilepsie, Zürich 1968 (Inaugual-

Dissertation), bes. S. 9f, 17, 21.




In: FlashBoxOldenburg: Mischa Kuball, ed.: Edith-Ruß-Haus für Medienkunst und Oldenburger Kunstverein
Isensee Verlag, Oldenburg 2005, p. 47-61.

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