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Mischa Kuball



New Pott - Neue Heimat im Revier?



Wenn ich an das Ruhrgebiet denke, sehe ich deutlich vor Augen, wie sich meine Bilder davon gewandelt haben: Aus den rauchenden Schornsteinen und dem nächtlichen Feuer beim Abstich ist längst eine neue Zeit angebrochen, eine Zeit, die auch eine neue Heimat herausbildet für Menschen aus über 180 Nationen – das ist eine Tatsache; aber wie fühlt sie sich an? Wie leben denn diese vielen Menschen, Familien in der neuen Fremde, die ihr Zuhause geworden ist, und: Wie haben sich diese Lebensräume verändert?

Dies wollte ich untersuchen – im Rahmen einer sehr persönlichen Forschungsreise in den Pott. more...

Harald Welzer



New Pottler
Aus glücklichem Zufall

Das Neue ist meist schon da. Man sieht es nur nicht, weil einem das Alte den Blick verstellt. Und dieses Alte den Rahmen dafür liefert, was als neu gilt. Daneben bleibt das wirklich Neue unsichtbar und nirgendwo kann man das besser sehen als im „Pott“. Der hat sich gerade als „Kulturhauptstadt“ inszeniert und sich dabei als ein „Neues“ imaginiert, das andernorts schon vor Jahrzehnten aus der Mode gekommen ist: im Abschied von der Industriekultur, im Irrtum, diese ließe sich durch Kreativkultur ersetzen, in der Apotheose der Autobahn. Nein, das alles ist allerhöchstens das Alte neu aufgebügelt, telegen, für die Medien aufgepimpt.more...

Rupert Pfab




Mischa Kuball

Mischa Kuballs zentrales Medium ist das Licht. Dem Künstler zufolge hat es die Fähigkeit, Dinge aufscheinen, aber auch wieder verschwinden zu lassen. So arbeitet er unablässig mit scheinbar endlosen Varianten dieses Mediums, macht Projektionen, Licht-Raum-Installationen (1) und setzt Licht in allen nur denkbaren Erscheinungsformen ein. Kuball arbeitet mit Lampen wie auf der Biennale von São Paulo, wo er Menschen aller sozialen Schichten mit der immer gleichen Leuchte in deren Wohnungen aufnahm (2), oder verwandelt Architekturen wie das ehemalige Mannesmann-Hochhaus in Düsseldorf oder die Synagoge in Stommeln zu eigenständigen Lichtkörpern. Kuball bedient sich auch des natürlichen Tageslichts, wie sein einjähriges Projekt in der Johanneskirche in Düsseldorf gezeigt hat. (3)more...

Peter Sloterdijk


Light and Illumination

Notes on the Metaphysics, Mysticism, and Politics of Light


"Omnia quae sunt lumina sunt."
–– John Duns Scotus


Metaphysics as Metaoptics

The human being, the contemplative animal, can call upon the world to account for his existence in light and sound, because he is on the front lines of a cosmic development, which, according to its dominant natural trait, can be interpreted as an audiovisual "eye"-opener to the state of being. The complex of knowledge that is processed within the species Homo sapiens incarnates the result of a biological, cognitive evolution of adventurous improbability. This is intensified in the production of living things whose relationship to the environment is created by a cerebrally guided, complex integration of eye, ear, hand, and language. more...

Peter Weibel

 

The Politics of Light


The Art of Light in its Ethical, Social, and Political Dimension


During the 1990s, Mischa Kuball excited attention with his light installations of architectonic dimensions. He transformed the Mannesmann building in Düsseldorf into a light sculpture for six weeks in 1990. Nowadays it is common routine to alter building façades with the aid of light, but in those days it was still a mega-symbol, as the title of the work, Megazeichen, indicates. In 1992, his illuminated geometrical signs (Lichtbrücke, or Light Bridges) gave the Bauhaus in Dessau sculptural status. Two years later, the synagogue in Stommeln, lit brightly from the inside, penetrated public consciousness under the title Refraction House. more...

Thorsten Nolting



Das Projekt


 

Der Konzeptkünstler Mischa Kuball beschäftigt sich seit einigen Jahren

in seinen Arbeiten mit der Schnittstelle von Kunst, Architektur und so-

zialem Handeln. Für die Johanneskirche entwickelte er die Idee zu einem

temporären Eingriff in den Sakralraum. Dieser erfolgte behutsam und

unter Beteiligung aller Nutzer und Besucher.

Das Projekt „Ein Fenster“ war eine starke baulicher Intervention. Vor das

linke Fenster im Altarraum der Johanneskirche wurde ein 9 x 4 Me-

ter hohes System aus eloxiertem Aluminium gesetzt.

Die architektonische Vorgabe der ‚alten‘ Fenster im sogenannten

Rundbogenstil ist nicht einfach überformt, sondern sie bleibt in Geltung

und sichtbar. Wegen der Konstruktion und der Statik wurde der Architekt

Reiner Bruckhaus hinzugezogen, die ausführende Firma rückte

mit drei riesigen vorgefertigten Rahmenteilen an und die Gemeinde-

leitung merkte erst jetzt, wie groß die Veränderung des Raumes und

der Gesamtsituation der Johanneskirche sein würde.

 

„Ein Fenster“ war ein interaktives Projekt, das die Besucher und Be-

sucherinnen insofern einbezog, als jedes Feld des Fensters nach Ent-

würfen und auf Anregungen hin neu gestaltet werden konnte. Sie

benutzten dafür Farben, einzelne Begriffe, Sätze, Fotos oder Bilder.

 

Am 15. Juni 2000 konnte der erste Zustand ausgestellt werden. Er basierte

auf einer Ideensammlung des Pfarrkollegiums der Johanneskirche und

der Setzung des Künstlers. Er hatte sich entschieden, alle in diesem

Material möglichen Farben zweifach in unsystematischer Anordnung

auftauchen zu lassen. An drei Feldern zeigten sich die Gestaltungs-

möglichkeiten: In 10 Meter Höhe war der Aktienindex aus der FAZ

zu sehen, ein Bibelwort „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“

und die Worte und Pilze“ als Anspielung auf Natur und Rausch.

 

Geplant waren Wechsel des Gesamtzustandes, aber als der Bomben-

anschlag am Wehrhahn auf dem Gebiet der Johanneskirche die Gemüter

beschäftigte, sprach sich Pfarrer Dirk Holthaus dafür aus, das Fenster zu

nutzen und ein Bild von dem Ort gedenkend einzubeziehen. So wurde im

August das Fahndungsfoto, mit dem die Polizei Hinweise zum Brand-

anschlag am Wehrhahn suchte, ohne den Text sehr gut sichtbar hinzugefügt.

Das machte deutlich, wie eindrucksvoll durch das Fenster Themen in den

Kirchenraum integriert werden konnten.

 

Der erste große Wechsel des Gesamtbildes fand im November 2000 statt.

Mittlerweile war eine Jury gebildet worden, der der Künstler beobachtend

und für die Umsetzung beratend zur Seite stand. Aus der Vielzahl unter-

schiedlichster Herangehensweisen, die von Kollagen über Fotos, bis hin

zu Sinnsprüchen, Bleistiftzeichungen und kleinen Gemälden reichten,

wählte die Jury sieben Einzelentwürfe aus, um die Varianten zu zeigen.

So war eine Frau aus einer Sonnenmilch-Werbeanzeige ausgeschnitten

worden, die nun in der Vergrößerung auf der Scheibe dasaß unter einem

Sonnenschirm als meditiere sie. Eine Wolke war zu sehen als Hinweis auf

einen Zustand des Himmels außerhalb der Johanneskirche. Von einem

Konfirmanden stammt eine Kollage, die einen Sportwagen mit Kölner

Kennzeichen, ein Laptop und eine Flugzeug zusammenenbringt unter der

Überschrift: wir brauchen.

 

Das Foto eines Ausschnitts der Gebetswand als Analogie zum Fenster

und der Satz eines Clubgängers, der sich ein House aus Steinen, die ihm

der Di auf die Tanzfläche wirft, bauen möchte. Die Zeichnung einer

Raumfähre und ein Bild eines 2 1/2 Jährigen von seinem stolzen Großvater

eingereicht, vervollständigten den Eindruck. Um die Prägnanz nicht in

wechselnden Farben zu verstecken, wählte die Jury für die restlichen 25

Felder einen warmen Gelbton.

 

Der zweite Wechsel, der bis zum Juni 2001 zu sehen war, folgte einem

anderen Prinzip. Die Entscheidung, die vier Felder einer Querreihe von

einem Thema oder einen Ansatz bestimmen zu lassen fiel, als die Jury

zwei Entwürfe auswählte. Der eine schlug vor, eine Leiter an den Rahmen

des Fensters reichen zu lassen und einen Spiegel einzusetzen, der zweite

schlug zwei Reihen vor, die die Zeichen eines Persönlichkeitstests verwen-

den.

 

Dann wurde eine Reihe aus den vielen Zeichnungen von Schülern zusam-

mengestellt: eine Reihe zeigte den artifiziellen Umgang mit Natur, eine

das Anzeigenfoto von holländischen Tulpenfeldern, eine Reihe Augen-

kollagen als ungewöhnliche Reflektion des eigenen Blickes, der hundert-

fach zurückschaut und eine Reihe einen Satz aus einem Begleitschreibens

der viel über das Selbstverständnis der Mitmachenden aussagt: „Von

meinem Vorschlag weiß ich wohl, dass er gut ist, viele Menschen zum

Weiterdenken, mehr noch, zum Mitfühlen anregen könnte“.

 

Die Jury hat sich entschieden, ihn als Kommentar zum Gesamtprozess

aufzugreifen.

 

Von Beginn an gehörte die Veröffentlichung aller eingereichten Ent-

würfe zum Projekt. So finden sich in diesem Buch alle Vorschläge, die

mit Namen versehen abgegeben wurden ohne Unterschied, ob realisiert

oder nicht. Der nun wie der leere Kirchenraum fordert angesichts der

Vielfalt zu eigenen Entscheidungen und Vorstellungen heraus.

 

 

 

In: Mischa Kuball: ein fenster: eine Dokumentation. Johanneskirche Stadtkirche Düsseldorf, Köln: Salon Verlag 2001, S. 35-37.

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